Ein Tagebuch
1. Tag – Montag, 5.11.07
Da bin ich wieder. Fast auf den Tag genau 3 Monate nach dem letzten Mal: Station G des örtlichen Krankenhauses. Man begrüßt mich schon direkt namentlich, fast fühle ich mich heimisch…Selbes Zimmer, wie letztes Mal, anderes Bett, diesmal am Fenster – auch mal schön. Aufnahmeritual durch die Schwestern am Morgen: Essensbestellung, Blutdruck, Temperatur, Fragen nach Brille, Gebiss und Vorerkrankungen und der übliche Stempel in die Akte: Sturzgefahr und die damit verbundenen Aufklärungen: „Aber das kennen sie ja.“
Warten auf die Aufnahmeuntersuchung durch den Stationsarzt…an diesem Tag sind an die 20 Patienten neu aufzunehmen und das durch einen Arzt, das kann dauern…
Lesen…
Mittagessen…
Warten auf die Aufnahmeuntersuchung durch den Stationsarzt…
Lesen…
Gegen 14:00 werde ich dann zur Aufnahmeuntersuchung ins Arztzimmer abgeholt. Das ist dann jetzt bei 3 Aufenthalten der 3. behandelnde Arzt innerhalb desselben KH, aber er scheint nett zu sein. Zumindest hat er ein sehr symphatisches, schelmisches Lächeln….und los geht die Bestandsaufnahme …äh Anamnese. Was haben sie für Ausfälle? Schmerzen und Schwäche in den Beinen, verkürzte Gehstrecke, Zittern in Armen und Beinen, Müdigkeit, und ach so: ständiger Harndrang ohne nennenswerte Entleerung, das wird aber im Laufe des Tages besser, nachmittags kaum noch Probleme damit…Irritierter Blick eines Arztes, dann die komplette neurologische Untersuchung:
Gehen sie mal auf und ab – watschel
Gehen sie mal schnell, so als ob sie den Bus noch bekommen müssen – ich nehm den nächsten Bus, hab ja Zeit.
Auf einem Bein hüpfen – sehr witzig, ich bin froh, dass ich stehen kann
Auf der imaginären Linie laufen – ich fall fast um, das Gleiche gilt für den Versuch, die Augen zu schliessen und einfach nur da zu stehen
Finger Nase Test – Hier war ich mir SO sicher, dass ich das kann. Wie gut dass die Augen zu waren, sonst hätte ich mir das linke bös verletzt, so selbstbewusst und energisch wie ich da rein gestochen habe.
Beinvorhalteversuch – Zwar kann ich ein sofortiges Absinken verhindern, allerdings nur unter sofortigem Muskelzittern, bevor die Beine stumpf runterknallen.
…So geht’s dann weiter, es gelingt recht wenig…
Es werden weitere Tests angeordnet – Verlaufskontolle und Ausschluss von versteckten Infekten, welche die Symptomatik hervorrufen könnten.
Das war der Montag, es folgen lesen, Abendbrot, etwas fernsehen, schlafen…
2. Tag – Dienstag, 6.11.07
Ein Thema über das man nicht spricht entwickelt sich zu einem ernsthaften Problem…ich spreche auch nicht drüber, ich schreibe nur
Ich muss mal, die Blase ist voll, die letzte Blasenentleerung war abends gegen 22:00 Uhr, mittlerweile ist es 8:00…es kommen nur Tröpfchen – die Blase ist zu, völlig verkrampft. Es tut weh und ich hab Angst.
Lecker Frühstück: Ein Brötchen, Marmelade, die von weitem auch mal Frucht gesehen hat und trockener Käse. Der Kaffee erweckt den Verdacht entkoffeiniert zu sein…Aber es ist mir nicht vergönnt den Kaffee in heiss zu trinken…
Auftritt Stationssekretärin: Fr. B. bitte gehen Sie zum EKG. Ergebnis: Ich habe einen Herzschlag.
Zweiter Versuch den Kaffee zu trinken…
Auftritt Stationssekretärin: Fr. B. bitte gehen Sie zum Röntgen. Ergebnis, ich habe einen Thorax und keine Lungenentzündung.
Kalter Kaffee schmeckt zwar nicht soooo gut, aber egal, immerhin darf ich ihn jetzt trinken.
Der Stationsarzt nimmt mir persönlich ganz viel Blut ab, um dann nach dem Ergebnis und der endgültigen Sicherheit, dass ich keinen versteckten Infekt habe den 1. Kortisontropf anhängen zu können.
Oberarztvisite…
Zunächst überfällt den Stationsarzt die Erkenntnis, ich hätte ja noch gar keinen Zugang für den Tropf, der eigentlich schon laufen sollte, denn schliesslich wären meine Blutergebnisse OK. So bekomme ich also einen Zugang gelegt, während die Oberärztin sich mit mir unterhält …Es wird noch kurz angesprochen, dass man eventuell schon mal einen Wechsel der Basistherapie in Betracht ziehen müsste, dass muss aber mit dem Chefarzt geklärt werden, die Blasenproblematik wird thematisiert, hier fehlt aber noch die weitere Diagnostik.
Visite ist vorbei, die Schwester hängt mich an den Tropf, der macht mich wie gehabt müde, den Rest des Tages verbringe ich mit dösen, Musik hören und etwas lesen – zwischendurch gebe ich auch immer mal wieder einen Tropfen Blut zur Blutzuckerbestimmung her, alles im grünen Bereich.
Abends kommen Mann und kleine Tochter. Töchterchen kuschelt sich in meinem Bett ganz eng an mich – Der pure Genuss, mir geht’s einfach nur gut, ich bin glücklich!
Nachdem ich die beiden noch nach unten gebracht und verabschiedet habe, weint meine 84jährige Bettnachbarin vor lauter Rührung. SO eine tolle Familie, so harmonisch und liebevoll im Umgang miteinander. Das sie DAS noch sehen darf. Sie versteht nicht, wie es sein kann das eine so tolle Mutter so krank sein muss, das wär ja nicht gerecht. Die Frau ist klasse und das nicht nur, weil sie mich toll findet. Ich glaube wir haben uns gegenseitig bewundert in dieser Woche und viele tolle Gespräche geführt.
3. Tag – Mittwoch, 7.11.07
Lecker Frühstück, wie gehabt. Blasenspastik ebenfalls wie gehabt, nix geht ab.
„Fr. B. bitte gehen sie zur Restharnsono runter. Vorher einmal die Blase komplett entleeren“
Höhöhö – sehr witzig! Ich gebe mein Bestes, das ist nicht viel.
Die entleerte Blase enthält noch knapp 500ml. Restharn – Ich sehe eine etwas erschrockene Assistenzärztin, beim Ultraschall – „Hatten Sie schon mal einen Katheter?“ – NEIN!
Kortisontropf
Chefarztvisite:
Nein, ein Wechsel der Basistherapie ist noch nicht angezeigt. Allerdings sollte Copaxone jetzt wirklich anschlagen und die Schubrate verringern. Ich bekomme noch ein halbes Jahr Aufschub, in der Zeit darf ich aber keinen Schub mehr haben, sonst muss ich auf Interferone wechseln – Werd mein Bestes geben, wechseln würde ich ungerne, ich vertrage Copaxone so gut, habe quasi keine Nebenwirkungen, aber wenn auch keine Wirkung da ist, ist mir ja auch nicht geholfen.
Soweit harmloses Geplänkel um Verlauf und Stand der Dinge…
Das Untersuchungsergebnis vom Morgen (Restharn knapp 500ml.) lassen Chefarzt, Oberärztin und Stationsarzt dann gewaltig unruhig werden…Mir werden meine Optionen erklärt:
- Ich erhalte einen Dauerkatheter durch die Harnröhre in die Blase – Entleerung dann automatisch in einen Beutel. (NEIN, danke. Nächster Vorschlag bitte.)
- Ich erhalte einen Schlauch durch die Bauchdecke in die Blase. Ganz tolle Technik, ich kann dann normal entleeren, also Blasentraining betreiben und den verbleibenden Restharn praktisch über den Schlauch ablassen. (JAU, und wenn mein Mann mich dann aus der Reizwäsche pult, bleibt er am Schlauch hängen – Tolle Vorstellung, trotzdem den nächsten Vorschlag bitte.)
- Ich lege mir mehrmals täglich selbst einen Katheter (Ne, echt nicht)
- Medikamentöse Behandlung mit Baclofen = viele unschöne Nebenwirkungen wie
- Macht sehr müde (prima, dass ich ein Medikament gegen die Fatigue = Müdigkeit nehme)
- Ist schwer zu steuern, da es sich auf das gesamte Nervensystem legt. So kann es sein, dass nicht nur die verkrampfte Blase dahingehend gelöst wird, dass ich wieder normal Wasser lassen kann. Sehr häufig kehrt sich die Wirkung um und es kommt zur Muskelerschlaffung, so dass mir dann schon mal die Beine wegknicken oder ich komplett inkontinent werde (Prima, vor meinem inneren Auge sehe ich mich nun in Windel, im Rollstuhl, handlungsunfähig müde…aber ich wollte ja positiv bleiben!)
Da die Optionen 1-3 für mich zum jetzigen Zeitpunkt absolut indiskutabel sind entscheide ich mich für die Medikation. Wir einigen uns auf eine absolute Minimaldosierung, da wir ja davon ausgehen wollen, dass sich das Symptom zurückbildet.
Am Nachmittag soll mir ein Einmalkatheter gelegt werden um einmal am Tag zu entleeren und den Tagesverlauf zu beobachten. Was ich schon fühlte ist tatsächlich so. Nachmittags ist meine Blase leer und ich bin zumindest zum Teil beruhigt. Ein Problem, dass nur vormittags vorhanden ist, erscheint mir weniger groß.
Abends gibt’s die erste Baclofen (5mg) – Nachts kann ich auf Toilette gehen. Was so normal und selbstverständlich scheint erfreut mich über alle Maßen.
4. Tag – Donnerstag, 8.11.07
Auch der Stationsarzt freut sich über den Erfolg der ersten Baclofengabe. Wir erhöhen auf 2x 5mg/Tag.
Noch mal in die neurologische Ambulanz zur EVOP Untersuchung, zwecks Verlaufskontrolle. Ich liebe den Strom auf den Füssen *örgs*
Mein Vater kommt zu Besuch und hält sich wacker. Ich hatte schon befürchtet große Anstrengungen aufbringen zu müssen um ihm seine Sorge zu nehmen, aber er macht das prima. Wir haben gute Gespräche über alles mögliche und ganz nebenbei habe ich mir noch einen Auftrag eingesackt, eine Webseite für ihn zu gesalten *freu*. Auch das Anlegen des Tropfes hat er tapfer und ohne ganz tiefe Sorgenfalten überstanden, ich bin stolz auf ihn
, als er geht bin ich in super Stimmung, er hat mir gut getan. Der Rest ist wie gehabt: Tropf durchlaufen lassen, dösen, mit dem Blutzucker knapp am Insulinpflichtigen Bereich vorbeirutschen etc.
5. Tag – Freitag 9.11.07
Heute ist Entlassungstag, mehr gibt’s eigentlich auch nicht zu schreiben. Ich bekomme meinen Tropf. Meine Bettnachbarin weint wieder eine kleine Runde und nimmt mich kräftig in den Arm, als sie von ihrer Tochter abgeholt wird und ich noch am Tropf hänge. Dann gibt’s noch meinen Arztbrief ich wünsche allen Schwestern und dem Doc einen guten Rutsch ins neue Jahr und verschwinde für diesen Tag, diesen Monat, dieses Jahr von dieser Station. Wieder mit dem festen Vorhaben, es war das letzte Mal für lange Zeit.
Einen letzten Tropf gibt’s noch am Samstag ambulant, eine Station tiefer. Dann bin ich endgültig fertig mit der 3. Kortison-StoßTherapie.
Resümee:
Man gewöhnt sich an alles, auch an langweilige, nervige und frustige Krankanhausaufenthalte. Noch hat sich keines meiner Schubsymptome wirklich zurückgebildet, die Blasenproblematik habe ich durchs Medikament ganz gut im Griff, wie es weitergeht wird jetzt die Zeit zeigen…sicher ist nur es geht weiter und es geht gut weiter – weil ich das so will!
Wer suchet der findet positives, so durfte ich während dieses Aufenthaltes wieder viel Geduld lernen und vor allem den Kontakt zu einer tollen, alten Frau knüpfen, die geistig voll auf der Höhe mit tollen Ansichten ist. Wir hatten viele schöne Gespräche über Leben, Familie, Rezepte und last but not least: die Königshäuser dieser Welt 



Da sich mein Nacht-Tagrhythmus total verschoben hat, habe ich mich mal durch Dein Blog gewuselt.
Und diese Ausführung Deines Krankenaufenthaltes war schön zu lesen.
LG Michael
Liebe Angela,
ich hab mich ein bissel durch deine Blogs gelesen
und möchte dir meinen Respekt aussprechen.
Jeder von uns hat anders mit der MS zu kämpfen,
was man auch bei dir eindeutig nachlesen kann.
Deine Einstellung und Entscheidungskraft
hilft dir aber ebenso wie deine Familie alles durchzustehen
und das ist gut, wenn es so gelingt.
Ich wünsche dir bei all, den weiteren bevorstehenden
Entscheidungen ein gelassenes Herz und einen klaren Kopf.
Ich hab mich gefreut dich auf diese Weise kennen lernen zu dürfen.
LUPO/WOLFgang
Wenn ich schreibe, dass ich bei der Lektüre dieses Tagebuchs schallend gelacht habe, versteht das bestimmt wieder kein Mensch. Man wird mich taktlos finden und für mitleidlos halten…
Verdammt, kam mir das alles bekannt vor! Motto: „Bitte geben Sie alle Wertsachen am Empfang ab. Halt! Ich sagte ALLE. Was ist das? Ihre Würde? Egal, auch die.“
Aber wie Du so schön schreibst: Man gewöhnt sich dran. Behauptet man zumindest…